Geschichten aus Falkenried
Das gefährliche Eichhörnchen
Jorek blieb stehen und hob eine Hand. Zomphyr hatte die Spur ebenfalls gesehen. Frische Abdrücke führten zwischen den Bäumen hindurch, kaum verdeckt vom feuchten Laub.
„Reh“, sagte Jorek leise.
Zomphyr nickte. „Nicht weit.“
Sie folgten der Spur schweigend. Mal ging Jorek voraus, mal Zomphyr. An einer Stelle verloren sich die Abdrücke auf hartem Boden, doch Jorek fand wenig später einen abgebrochenen Zweig, und Zomphyr entdeckte einige Schritte weiter eine frische Scharrstelle. Es war eine gute Spur, und schließlich führte sie zu einem guten Reh.
Das Tier stand zwischen zwei Fichten und zupfte an den letzten grünen Blättern eines Strauchs. Der Wind kam ihnen entgegen. Es hatte sie nicht bemerkt. Jorek sah zu Zomphyr und deutete mit dem Kinn auf das Tier.
Zomphyr nahm langsam den Weißeichenbogen von der Schulter. Der Pfeil lag auf der Sehne. Er spannte.
Tock.
Zomphyr zuckte zusammen. Das Reh hob den Kopf und brach einen Augenblick später durchs Unterholz. Jorek sah ihm nach, dann zu Zomphyr und schließlich auf die Haselnuss, die zwischen ihnen auf dem Waldboden lag.
„Hat dich gerade eine Nuss getroffen?“
Zomphyr rieb sich die Schläfe. „Ja.“
Jorek blickte nach oben. In den Ästen raschelte es. „Ein Eichhörnchen?“
„Vermutlich.“
Jorek presste die Lippen zusammen.
Zomphyr sah ihn an. „Sag es ruhig.“
„Ich sage gar nichts.“
„Du grinst.“
„Das ist etwas anderes.“
Zomphyr hob die Haselnuss auf und betrachtete sie kurz. „Vielleicht ist sie heruntergefallen.“
Jorek sah nach oben und dann wieder auf die Haselnuss. „Von der Fichte?“
Zomphyr folgte seinem Blick. „Vielleicht.“
„Eine Haselnuss.“
„Ja.“
„Von einer Fichte.“
Zomphyr ließ die Nuss fallen. „Offenbar.“
Jorek nickte langsam. „Man lernt nie aus.“
Zomphyr ging weiter, Jorek folgte ihm noch immer grinsend. Es dauerte eine Weile, bis sie die Spur wiederfanden. Das Reh hatte nach seiner Flucht einiges an Strecke zurückgelegt, aber es war nicht schwer zu verfolgen. Schließlich verlangsamte Jorek seinen Schritt.
Vor ihnen wurde der Wald lichter. Das Reh war wieder da und stand mit der Seite zu ihnen, keine dreißig Schritt entfernt. Jorek betrachtete das Tier und dann Zomphyr.
„Nein.“
Zomphyr hob eine Augenbraue.
„Diesmal schieße ich.“
„Warum?“
„Weil ich gerne mit einem Reh nach Falkenried zurückkehren würde.“
Zomphyr verzog keine Miene. Jorek nahm seinen Bogen von der Schulter.
„Außerdem scheint der Wald etwas gegen dich zu haben.“
Er legte einen Pfeil auf die Sehne. Über ihnen raschelte es.
Jorek sah nach oben.
Tock.
Die Haselnuss traf ihn mitten auf die Stirn. Das Reh sprang davon.
Jorek blieb regungslos stehen. Zomphyr sah dem Tier hinterher, dann zu Jorek. Eine Haselnuss fiel vor dessen Füße. Für einige Augenblicke herrschte völlige Stille.
Jorek blickte langsam in die Baumkrone. Zwischen den Nadeln verschwand ein roter, buschiger Schwanz.
Zomphyr bückte sich, hob die Haselnuss auf und betrachtete sie. Dann sah er zur Fichte hinauf.
„Vielleicht ist sie heruntergefallen.“
Jorek sah ihn an.
Zomphyr ließ die Nuss fallen. „Kommt offenbar häufiger vor.“
Jorek schwieg einen Moment, nahm den Pfeil von der Sehne und steckte ihn zurück in den Köcher.
„Davon erzählen wir im Dorf nichts.“
Zomphyr nickte. „Einverstanden.“