ZOMPHYR-SAGA

Geschichten aus Falkenried

Der gute Rat

Haldor stemmte die Schulter gegen die Tür zum Vorratsraum. Erst beim dritten Versuch gab sie mit einem hässlichen Knarren nach. Beim Schließen war es kaum besser; das Holz schabte über den Boden, bis die Tür schließlich mit einem dumpfen Stoß ins Schloss fiel. Im Roten Falken war es noch ruhig. Durch die Fenster fiel fahles Morgenlicht auf die Tische, in der Luft hing noch der Geruch nach Bier, Holz und dem Feuer vom vergangenen Abend. Gerwin saß an seinem üblichen Platz und hatte gerade den ersten Schluck genommen.

„Die ging gestern noch“, brummte Haldor.

Gerwin sah zur Tür. „Heute offenbar nicht mehr.“

„Das hab ich auch gemerkt.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

Haldor warf ihm einen Blick zu, auf den Gerwin nicht weiter einging. Er hob lediglich seinen Krug und trank, während Haldor die Tür erneut öffnete und vor dem unteren Scharnier in die Hocke ging. Er rüttelte daran, drückte gegen das Holz und betrachtete die Stelle eine Weile, bevor er hinter dem Tresen verschwand und mit einem Hammer zurückkam.

Gerwin sah erst auf den Hammer und dann auf Haldor. „Was hast du vor?“

„Die Tür reparieren.“

„Ach so.“

„Was heißt denn ach so?“

„Gar nichts. Mach ruhig.“

Haldor kniff die Augen zusammen, entschied aber offenbar, dass Gerwin die Mühe nicht wert war. Er gab dem unteren Scharnier einen vorsichtigen Schlag, betrachtete das Ergebnis und versuchte es noch einmal. Als er anschließend die Tür probierte, klemmte sie stärker als zuvor.

Gerwin stellte seinen Krug ab. „Besser?“

„Nein.“

„Dachte ich mir.“

„Das Holz hat sich verzogen.“

Gerwin betrachtete die Tür einen Moment lang. Sein Blick wanderte nach oben, blieb dort kurz hängen und kehrte dann zu Haldor zurück. „Kann sein.“

Haldor ging wieder in die Hocke und hob den Hammer. Bevor er erneut zuschlagen konnte, öffnete sich die Eingangstür des Roten Falken. Ein junger Mann aus dem Dorf kam herein. Unter dem Arm trug er ein loses Brett, und seinem Gesichtsausdruck nach hätte er es am liebsten irgendwo unterwegs verloren.

„Haldor, hast du kurz Zeit?“

Haldor legte den Hammer beiseite. „Was hast du angestellt?“

Der Junge blieb stehen. „Wieso angestellt?“

Haldor deutete auf das Holz unter seinem Arm. „Ach das“, sagte der Junge und sah darauf hinunter. „Das ist vom Hühnerstall meiner Mutter.“

„Und?“

„Es war locker.“

„Und jetzt ist es ab.“

Der Junge verzog das Gesicht. „Ja.“

„Gib her.“

Haldor nahm ihm das Holz ab, drehte es um und fuhr mit dem Daumen über die alten Nagellöcher. An einer Seite war das Holz bereits ausgefranst. „Du hast versucht, es wieder festzunageln.“

Der Junge nickte.

„Wie oft?“

„Zweimal.“ Unter Haldors Blick fügte er hinzu: „Vielleicht dreimal.“

Gerwin nahm seinen Krug und trank. Haldor drehte das Holz noch einmal in der Hand. „Da kannst du noch fünf Nägel reinhauen. Wenn du nicht erst guckst, warum es locker geworden ist, bringt dir das gar nichts.“

Der Junge trat einen Schritt näher. „Ist das Holz kaputt?“

„Kann sein. Oder der Pfosten. Oder die alten Löcher sind einfach ausgerissen.“ Haldor gab ihm das Stück zurück. „Erst nachsehen, wo das eigentliche Problem liegt, und dann anfangen. Sonst hämmerst du irgendwo drauf rum und machst es am Ende noch schlimmer.“

Hinter ihm blieb es auffällig still.

Der Junge betrachtete das Holz. „Also erst schauen.“

„Genau.“

„Meine Mutter bringt mich um.“

„Dann würde ich gründlich schauen.“

Der Junge musste grinsen. „Danke, Haldor.“

„Dafür nicht.“

Er klemmte sich das Holz wieder unter den Arm und ging hinaus. Haldor sah ihm einen Augenblick nach, bevor er sich wieder seiner Vorratstür zuwandte. Erst als er den Hammer aufhob, bemerkte er, dass Gerwin ihn ansah.

„Kein Wort.“

Gerwin hob die freie Hand. „Ich hab nichts gesagt.“

„Aber du willst.“

„Ein bisschen.“

„Lass es.“

„Gut.“

Haldor ging wieder vor dem unteren Scharnier in die Hocke. Gerwin ließ ihn gewähren, nahm noch einen Schluck und wartete, bis Haldor den Hammer erneut anhob.

„Willst du wirklich noch mal da draufhauen?“

Haldor hielt inne und drehte langsam den Kopf. „Gerwin.“

„Ich frag nur.“

„Dann hör auf zu fragen.“

„Wie du meinst.“

Haldor wandte sich wieder dem Scharnier zu. Der Hammer hob sich ein Stück, blieb dann aber in der Luft stehen. Schließlich ließ Haldor den Arm sinken und sah über die Schulter. Gerwin saß noch immer mit seinem Bier am Tisch.

„Na schön. Was ist?“

Gerwin deutete mit dem Krug nach oben. Haldor folgte seinem Blick. Am oberen Scharnier stand einer der geschmiedeten Nägel fast einen Fingerbreit aus dem Holz. Er sah eine Weile hinauf, dann hinunter auf das untere Scharnier, das inzwischen deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen hatte, als ihm guttat.

Hinter ihm blieb es verdächtig still.

„Wie lange weißt du das schon?“

Gerwin dachte kurz darüber nach. „Seit dem zweiten Schlag.“

Haldor drehte sich langsam zu ihm um. „Seit dem zweiten.“

„Ungefähr.“

„Und da konntest du nichts sagen?“

„Doch, natürlich.“

„Warum hast du es dann nicht getan?“

Gerwin lehnte sich zurück und nahm einen Schluck. „Ich wollte erst gucken, warum du da unten rumhämmerst.“

Für einen Moment sagte Haldor nichts. Dann sah er auf den Hammer in seiner Hand, wieder zu Gerwin und schließlich zur Tür. Er drückte das obere Scharnier zurück an seinen Platz und trieb den herausstehenden Nagel mit zwei kräftigen Schlägen ins Holz. Als er anschließend die Tür probierte, öffnete und schloss sie sich wieder ohne Widerstand.

Gerwin betrachtete das Ergebnis zufrieden. „Siehst du. Erst nachsehen, wo das eigentliche Problem liegt.“

Haldor legte den Hammer auf den Tresen. „Dein nächstes Bier kostet doppelt.“

Gerwin betrachtete seinen Krug. „Dann hätte ich wohl früher was sagen sollen.“

„Dreifach.“

Gerwin hob den Krug in Haldors Richtung und nahm einen langen Schluck.

Alle Geschichten →